Der letzte Kunde

Im Leben geht es nicht immer aufwärts. Manchmal läuft etwas schief und das Leben bewegt sich plötzlich im rasanten Tempo bergab. Das Schicksal schlägt zu und du bist dagegen absolut machtlos. Wenn einem so etwas widerfährt, empfindet man das natürlich schlimm. Man hadert mit sich und dem Leben und empfindet die Welt recht ungerecht. Man fragt sich, warum ausgerechnet einem selbst das alles widerfahren musste und versucht, anderen die Schuld an seinem Schlamassel zu geben.

Mein Name ist Martina Beer. Zurzeit stecke ich in einem ziemlich großen Schlamassel. Man hat mich geschlagen, gedemütigt, gefesselt, geknebelt und in eine Zelle gesperrt. Dort sitze ich auf einer harten Holzbank und fühle mich, als ob ich genau in diesem Moment die Talsohle meines Lebens erreicht habe.

Trotz meiner Verzweiflung weiß ich, dass mein Martyrium gerade erst begonnen hat. Mein Leidensweg wird noch lang und steinig werden. Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war. Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn plötzlich der Boden unter einem weg bricht und sich das sicher geglaubte Leben auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Ohne Sicherheitsleine steht man vor einem Abgrund und fühlt sich gezwungen, einen großen Schritt nach vorne zu gehen.

Zusammengesunken wie ein Häufchen Elend warte ich desillusioniert und deprimiert auf meine düstere Zukunft. Mein flachsblonder Pony hängt mir strähnig ins Gesicht. Die einst so perfekte Frisur ist ruiniert. Ich hatte meinen Zopf streng und fest gebunden. Doch jetzt kitzeln mich die frechen losen Haare unverschämt in meinem pochenden Gesicht. Leider kann ich sie nicht zur Seite streichen, kann mich nicht kratzen. Keine Linderung ist mir vergönnt. Ich kann nur vor mich hinstarren und warten.

Meine Finger stecken ausgestreckt und aneinandergepresst in zwei Handschuhen, die mehrere Lagen Klebestreifen eng gegen meine Haut drücken. Diese Ledersäckchen darf ich nicht abstreifen. Man benötige die Substanzen an meiner Haut und könne nicht anders daran gelangen, hatten sie mir gesagt. Ich habe es nicht verstanden. Gewehrt habe ich mich dagegen nicht. Was sollte das auch bringen? Alles war so sinnlos! Aber egal!

Der breite Ledergurt um meine Hüften quetscht meinen eh schon viel zu flachen Bauch noch enger zusammen. Das Atmen fällt mir schwer. Manche Leute behaupten wegen meiner schlanken Linie, ich hätte Bulimie. So ein Schwachsinn. Nur weil ich auf mein Äußeres achte und eine Aversion gegen Fette aller Art habe, bin ich noch lange nicht krank. Ich empfinde die ungerechtfertigte Kritik als puren Neid! Immerhin war mein perfekter Körper bis vor kurzen mein Kapital. Und von dem habe ich gut leben konnte.

Das Leder und das Metall, mit dem ich gefesselt bin, zwingen mich in eine unbequeme Sitzposition. Über dem Nabel drückt ein enger Fesselgurt mit starrem Metallring meinen Bauch zusammen. Ich musste sogar mein Piercing herausziehen, bevor sie ihn um meine Hüften spannten. Sonst bestehe die Gefahr, dass der Gurt es herausreißen könne. Das wollte ich natürlich nicht. Durch den Ring haben sie ein Paar Handschellen gefädelt. Deren Ringe zieren nun meine Handgelenke und verhindern, dass ich mich der Handschuhe entledigen kann. Meine Fußgelenke waren mit stabilen Fußschellen verbunden, deren Verbindungskette nach hinten gezogen wurden. Sie hatten die Kette hinter der Bank zwischen den Gittern hindurch an einem weiteren Ring an der Rückseite des Gurtes befestigt. So konnten sie effektiv verhindern, dass ich aufstehen und herumlaufen konnte. Ich verstand nicht, warum sie das taten. Als ob es etwas an meiner Situation geändert hätte.

Sie… Sie haben doch keine Ahnung, tun nur ihre Pflicht. Ihnen kann -  nein! - ihnen darf ich an all dem keine Schuld geben.

Unerreichbar sind meine juckende Nase und die noch immer schmerzenden Wangen. Der Spielraum meiner Hände ist zu gering. Ich kann mein Gesicht mit den Fingerspitzen nicht berühren. Egal wie ich sehr ich mich auch anstrenge. Es ist für mich unerreichbar weit entfernt. Alles was ich kann, ist sitzen und meine Gedanken treiben lassen. Die Bilder, die sich unauslöschlich in meine Seele gebrannt haben, geistern ständig wie kleine Nachtmahre durch meinen Kopf. Sie werden ab jetzt für immer meine sinistren Begleiter bleiben.

Meine nackten Zehen berühren wegen den nach hinten gezogenen Unterschenkeln gerade noch die eisigen Fliesen, die den tristen Boden unter mir bedecken. Mir ist kalt. Ich trage lediglich einen weißen, halbdurchsichtigen Einmalanzug aus einem synthetischen Stoff, der sich als wiederverwertete tote Plastiktüte an meine Haut schmiegt. Sie fühlt sich so abweisend und fremd an – genauso wie ich mich selbst in meiner Haut fühle.

Meine Kleidung liegt bestimmt fein säuberlich ausgebreitet auf dem Schreibtisch dieses schwitzenden Fettsackes mit Halbglatze, der sich vor lauter Geilheit nicht konzentrieren kann. Ob der Ständer in seiner Hose schon schmerzhaft ist? Oder hatte er sich bereits in eine schäbige Toilette zurückgezogen und sich Erleichterung verschafft?

Ich weiß, ich kann manchmal ganz schön gehässig sein. Vor allem wenn man bedenkt, in welcher Lage ich mich gerade befinde. Doch mein Freund, der Sarkasmus, ist alles, was mir geblieben ist. Es gibt Dinge, die sich nicht kontrollieren, und Lebenslagen, die sich nicht meistern lassen. Wenn es keinen Ausweg mehr gibt und man sich Selbstmitleid nicht mehr leisten kann, ist ein fieser Gedanke manchmal die einzige Möglichkeit am Leben und bei geistiger Gesundheit zu bleiben. Andernfalls frisst einen die Verzweiflung mit Haut und Haaren auf.

Nachdem ich mich ausgezogen hatte, war er mit meiner Arbeitskleidung in den fleischigen Händen pfeifend davon marschiert. Ich konnte deutlich sehen, wie mich seine Augen förmlich vor Erregung auszogen. Endlich hatte man mal so eine erwischt. So eine, von denen er schon immer geträumt hatte. So eine, die er nie ansprechen würde, die er sich nie leisten könnte. So eine….

So eine… Eine wie ich… So eine war ich doch erst seit etwa einem halben Jahr. Davor war ich, eine brave Tochter aus konservativem Haus, als Sekretärin in einer renomierten Automobilzulieferfirma angestellt. Ein toller Job, wie meine Eltern zu sagen pflegen, mit einem guten Einkommen. Was soll denn ein junges Mädchen denn mehr wollen?

Ich wollte wesentlich mehr! Es genügte mir nicht, gut auszusehen, eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand zu bewohnen und auf einen gutbetuchten Mann zu warten, dem ich viele Kinder gebären konnte, so wie es meine konservativen Eltern von mir erwarteten. Ich wollte mehr! Wenn jemand im reifen Alter von 25 Jahren erkennt, dass der eingeschlagene Lebensweg nicht zum erhofften Ziel führt, muss man daran etwas ändern. Und das tat ich.

Ich durfte in einem angesehenen SM-Studio in der Landeshauptstadt anfangen. Das war weit genug entfernt von meinen Eltern und meiner Vergangenheit. Als attraktive Jungdomina winkte mir so viel Geld, dass ich auf eigenen Füssen stehen konnte.

Der Besitzer des Clubs, der mir als Onkel Freddy vorgestellt wurde, hatte auf mich einen netten und seriösen Eindruck gemacht. Er strahlte Ruhe und eine professionelle Gelassenheit aus. Ein Mann, der scheinbar immer wusste, was zu welchem Zeitpunkt zu tun war. Ein Mann, der vor allem wusste, wie mit Menschen umzugehen war.

Sein Gesellschafter Robin war ein großer und kräftiger Kahlkopf Anfang Dreißig. Er hielt den Laden sauber und ließ uns im Großen und Ganzen in Ruhe. Uns Mädels behandelte er wie ein großer Bruder seine jüngeren Geschwister. Necken und Beschützen. Jemand ist immer da, wenn man ihn braucht. Warum sollte man seine Habe auch schinden, solange man sie noch melken und die Milch als politisch korrektes Produkt von glücklichen Kühen verkaufen konnte?

Mein Verdienst im ersten halben Jahr war der absolute Hammer. Trotz Miete und den obligatorischen Abgaben an Onkel Freddy blieb mir noch genug zu einem für meine Verhältnisse luxuriöses Leben. Schon recht bald träumte ich von schicken Autos und Eigentumswohnungen. Was war ich doch für ein dummes und naives Landei.

Mein Handwerk hatte ich im Club von einer Schwarzafrikanerin gelernt. Selene hieß die Perle, kam aus Togo und nannte sich Lady Shakara. Sie zeigte mir, wie man Seile zu einer kunstvollen Bondage knüpft und eine Session dramaturgisch inszeniert. Ihre Lehrstunden waren unbezahlbar. Ich kenne keinen anderen Menschen, der so gut und verständlich erklären kann wie sie. In Rekordzeit brachte sie mir Grundlagen, Tipps und besondere Gemeinheiten in allen Bereichen der bizarren Erotik bei. Ich lernte Einläufe und Katheder zu setzen, Schmerzen zuzufügen ohne Spuren zu hinterlassen und Körper mit allen möglichen Materialien bewegungslos zu machen.

Vor ihrer Anstellung als Domina hatte Selene mehrere Semester Betriebswirtschaft studiert. Sie war jedoch nach einem kurzen Hineinschnuppern in die Erotikbranche dem Reiz des schnell verdienten Geldes erlegen. Jetzt arbeitete sie bereits viele Jahre in Onkel Freddies Club und hatte hier wohl ihren Lebensinhalt gefunden.

Dank meiner guten Auffassungsgabe und der Fähigkeit, Leute relativ schnell ziemlich gut einschätzen zu können, begann meine Karriere recht viel versprechend. Schon bald hatte ich fast ein Dutzend wohlhabende Stammkunden, die sich im Schnitt zweimal im Monat von mir verwöhnen oder quälen ließen, ganz wie man es sehen möchte. Die Wünsche meiner Kunden waren oft bizarr und eigenartig. Sie waren für mich eher eine Herausforderung als ein perverses Übel, mit dem ich nicht klarkommen würde. Innerlich musste ich häufig schmunzeln, wenn ich erfuhr, von was die angesehensten Bürger unseres Landes so alles träumten 

Einer meiner Kunden zum Beispiel, ein circa vierzigjähriger Geschäftsmann mit durchtrainiertem Oberkörper und an den Seiten leicht ergrauten Haaren, der sich Herr Schmidt nannte, ließ sich mit dünnen Lederriemen im Spread-Eagle, also alle Viere von sich gestreckt, auf ein Bett binden und mit seinem den ganzen Tag getragenen Slip, sowie drei Streifen Klebeband knebeln. So gefesselt musste ich ihn in dieser ungemütlichen Lage eine gute halbe Stunde schmoren lassen. Wenn er sich in dieser Zeit beherrschen konnte und nicht kam – und das war ziemlich schwierig, da ich ihm die ganze Zeit mit süßer Stimme erotische Schweinereien ins Ohr säuselte -  belohnte ich ihn mit unserer rothaarigen Sklavin Zoe, die im wirklichen Leben Beatrix hieß und hauptberuflich Kassiererin in einem unbedeutenden Discounter war.

Ich führte die schlanke Endzwanzigerin an ihren schulterlangen Haaren in mein Zimmer und ließ sie dabei hinter mir her stolpern. Er sollte sehen und miterleben, wie ich als unangefochtene Herrin das hübsche Mädchen beherrschte. Lasziv fesselte ich ihr langsam die Hände über Kreuz auf den Rücken  Dabei durfte mein Kunde zusehen wie sie demütig – sie konnte das wirklich überzeugend darstellen – ihren Blick senkte und ihre relativ großen Brüste nach vorne drückte. Ihre Oberarme band ich mit einem geflochtenen Hanfseil fest an den Oberkörper und schnürte anschließend mit zwei dünnen Lederschnüren ihren Busen ab, was sie besonders liebte. Bei meiner Performance musste Herr Schmidt ganz schön aufpassen, dass er nicht vorzeitig kam und sich den Höhepunkt der ganzen Session versaute.

Nachdem ich Zoe streng gefesselt hatte -  man sah ihr an, dass die Seile unangenehm eng saßen - streifte ich unendlich langsam zwei Gummis über seinen Hammer; schön einen nach dem anderen. Danach musste sich Zoe auf ihn knien und ihn ganz vorsichtig in sich eindringen lassen.

Die Sklavin massierte ihm bei dem anschließenden Ritt mit ihren gefesselten Händen beide Hoden. Kurz vor seinem Höhepunkt setzte ich mich ebenfalls auf ihn. Dabei zwängte ich seine Wangen zwischen meine fast bis zur Hüfte reichenden Lackstiefel und drückte mit meinem Gewicht seine Schultern aufs Bett. Dann ließ ich mich auf sein Gesicht sinken und presste ihm meinen Po mit dem duftenden Latexstring direkt auf die Nase. 

Das Atmen war ihm auf dieser Art unmöglich. Die Nase war zu. Der Mund war wegen der strengen Knebelung nicht zu gebrauchen. Ich ließ mich zurücksinken und versuchte sein ganzes Gesicht mit meinem Schoß abzudichten. Mit einem fiesen Lächeln im Gesicht beobachtete ich die vor Lust stöhnende und keuchende Zoe. Mit dem Stolz einer Raubtierbändigerin beim Applaus der Zuschauermenge nach einer dramatischen Dressur spürte ich, wie der Kunde unter uns wild zuckend kam. Er hatte den „kleinen Tod“ erlitten, der für einen Mann den Orgasmus zu einem unvergleichlichen Erlebnis machte. Unsere nymphomanische Sklavin hatte dabei sichtlich ebenfalls ihren Spaß gehabt.

Nach dem Orgasmus stieg ich von seinem Gesicht, half Zoe herunter und befreite sie von den Fesseln. Den Inhalt der Kondome durfte die Sklavin auf seinen Körper verteilen und einmassieren. Während ich mich duschte, entließ Zoe meinen Kunden und reinigte das Zimmer. 

Ich erfülle die Wünsche, die man sich zu Hause nicht zu äußern traut. Selbst die härtesten Geschäftsmänner stehen im trauten Heim unter den Pantoffeln ihrer Gattinnen und leiden unter dem Zwang des Familienlebens. Bei mir dürfen sie sein, was sie schon immer sein wollten, und tun, was sie schon immer tun wollten. Ich bin ihre Priesterin, ihre Schamanin der dunklen Erotik. Ich mache Träume wahr, solange die Kunden für meine Dienste ordentlich bezahlen.

Solche Geschichten über einen Kunden würde ich denen aber auf keinem Fall erzählen. Sie wissen, dass ich als Domina arbeite. Ich glaube, das ist ein gravierender Grund für ihre entwürdigende Art. Endlich können sie so eine wie mich auch mal von oben herab behandeln.

Während ich in dem kalten weißen Einweganzug gefesselt auf meiner Holzbank friere, erlebe ich die letzten Stunden wieder und wieder. Vielleicht würde ich weinen, wenn ich mir Tränen gestatten könnte. Doch die Verzweiflung verdrängt alle anderen Emotionen. Alle Hoffnung ist verschwunden. Ich bin keine böse Frau. Ich bin zwar manchmal gemein und ein bisschen fies. Aber ich bin nicht Böse. Das wird mir hier aber keiner glauben.

Benjamin Saller hatte sich mir bei dem obligatorischen Vorgespräch als Doktor Veh vorgestellt. Benjamin Saller. Mir waren die realen Namen meiner Kunden im Prinzip völlig egal. Unser Haus war diskret. Unsere Arbeit stand für professionelle Qualität, nicht für Ausspionieren und anschließendes Waschen schmutziger Wäsche. Wir erpressten unsere Kunden nicht – zumindest wusste ich nichts davon. Wir erfüllten lediglich ihre Wünsche. Und das konnten wir gut.

Jeder soll das machen, was er am Besten kann. Doch manchmal werden wir von dem, was wir überhaupt nicht können, übertölpelt. Dann lacht sich das Schicksal über unser Unvermögen kaputt und lässt uns am Boden zurück. Willkommen im Schlamassel. Schicksal ist scheiße!

Doktor Veh stand auf Gummi, glänzend und schwarz. Er war reich, sportlich und gut aussehend. So wie ein Mann sein sollte. Er machte bei unserem Vorgespräch letzte Woche in Sachen BDSM einen erfahrenen und kompetenten Eindruck. Dass er davon leider überhaupt keine Ahnung hatte, durfte ich erst später erfahren. Doch da war es schon zu spät.

Er wolle diese Spielart der Erotik in der Praxis erleben, hatte er gesagt, nicht nur in der Phantasie und im stillen Kämmerlein. Endlich traue er sich zu einer starken Frau. Jetzt sei die Zeit gekommen, die geheime Leidenschaft auszuleben. Lange habe er sich wegen seiner Familie nicht getraut zu einer Domina zu gehen. Doch man lebt nur einmal.

Wir klärten die Formalitäten, den Ablauf der Session und vereinbarten für den gestrigen Tag einen Termin. Ein Kunde wie jeder andere – dachte ich zumindest.

Gestern Abend saßen wir zu zweit an der Bar des Clubs, Lady Shakara – meine schwarze Perle – und ich. Robin hatte ich mit meinem süßesten Augenaufschlag gebeten, mir mein Lieblingsgetränk zu mixen. Er hatte mich daraufhin genervt angeschaut und mit dem scharfen Messer für die dafür notwendigen Limetten spielerisch in meine Richtung gestochen. Ich wusste, dass Robin meinen Drink mit viel Sorgfalt zubereiten würde. Ein perfekter Caipirinha machte natürlich Arbeit. Doch man musste seine besten Pferdchen bei Laune halten. Doktor Veh sollte doch nach meiner Dienstleistung glücklich und zufrieden sein, und viele Male wiederkommen.

Im Hintergrund waren gedämpft die Schmerzensschreie aus Madame Annabelles Kemenate zu hören. Die spätberufene Grande Dame des Hauses hatte ein Zimmer, das wie ein mittelalterlicher Kaminraum eingerichtet war. Die blond gefärbte ältere Frau war mittlerweile um die Fünfzig und hatte sich darauf spezialisiert, dicke Männer in Frauenkleider zu zwängen, sie feminin zu Recht zu machen und als Zofen herumzuscheuchen. Gerade dürfte sie einen der armen Kerle für eine lapidare Verfehlung züchtigen. Früher hätte ich nie gedacht, dass Menschen für so etwas Geld ausgeben.

Ich selbst war trotz meines Berufes eher nicht so der Gewaltmensch. Vielmehr stand ich auf erotische Fesselungen und das Austeilen kleiner fieser Gemeinheiten. Dazu schöne Fetischkleidung und ein tolles Ambiente. Das war meine Welt. Schmerzensschreie und pure Gewalt waren nicht so mein Ding. Man konnte die masochistischen Wünsche der Kunden auch ohne Schlaginstrumente erfüllen. Mit den besonderen Mitteln, die mir als Frau von Natur aus gegeben sind, ging es meiner Meinung nach eh viel subtiler und dadurch wesentlich effektiver.

„Mach doch mal etwas Musik, Robin“, bat ich den Zweimetermann hinter dem Tresen und probierte ihn mit verführerischsten Blicken zu bezirzen. „Bitte.“ fügte ich mit einem zuckersüßen Lächeln hinzu, nachdem mich Robin angefunkelt hatte. Man muss sich seine Gönner ja auch etwas bei Laune halten. Selene nippte an ihrem Prosecco und verströmte dabei pure Lebensfreude. Sie war mein himmlischer Engel in unserem verruchten Gewerbe.

Während die ersten Beats meines Lieblingsliedes ertönten, grinste ich Selene breit an, prostete ihr zu und schloss meine Augen. „For you“ sangen die Discoboys für mich und ich ließ mich von ihrer Musik treiben. Selene wippte sicherlich gerade mit ihren breiten Hüften zum Takt und schaffte mit ihrem fülligen Körper rhythmische Bewegungen, wie sie nur Menschen mit Musik im Blut hinbekamen. Sie war etwas Besonderes. Ich liebte sie. Sie war meine beste Freundin.

Die pechschwarzen Lackstiefel mit den Plateausohlen und den hohen Absätzen waren mir noch nicht ganz Geheuer. Sie waren nagelneu. Daher war das Tragen noch recht ungewohnt. Ich konnte nur ganz vorsichtig kleine Schritte machen, während ich vor dem Tresen mit geschlossenen Augen tanzte. Trotzdem bewegte ich mich anmutig und grazil. Da war ich mir sicher. Bei meinem Anblick dürfte es jeden Mann diesseits des Universums, der nur ein kleines Bisschen auf Lack und Leder steht, schlichtweg umhauen. Ich weiß um diese Macht und genieße es – und setzte sie nur zu gerne ein.

Innerlich schmunzelnd wusste ich, dass ich sogar Robin trotz seiner manchmal ganz schön abweisenden Art scharf machen konnte. Er war auch nur ein Mann. Obwohl er so cool tat, hatte er eine Schwäche für uns Mädels. Sonst würde er hier nicht arbeiten. Wenn er meinte, wir würden ihn gerade nicht beachten, warf er uns Blicke zu die Bände sprachen. Dennoch hatte er mich noch nie angesprochen. Seine Interessen lagen hier im Club bei einer anderen Person.

Meine Arbeitskleidung war komplett in glänzendem Schwarz gehalten; so schwarz wie die Nacht. Nicht schwarz wie meine Seele, denn ich habe mir nichts vorzuwerfen. Aber wer würde mir das glauben

Die Handschuhe und Strümpfe aus Gummi schmiegten sich eng an meine Haut. Das geschnürte Korsett betonte meine Wespentaille. Die oberen Schalen hoben meine Brüste an, ohne die Nippel zu zeigen. Der Minirock verhinderte wirkungsvoll einen Blick auf meine Intimzone, zeigte aber noch genug Haut um den Pulsschlag auf recht hohe Schlagzahlen zu treiben. Manchmal ist eben doch weniger mehr.

„Zoe“, brüllte Robin, während er das Limettenmesser mit einem Geschirrtuch pedantisch abtrocknete. Die Sklavin war gerade in die Lounge gekommen. Sie hatte meinen Raum gesäubert, nachdem ich Herrn Schmidt wunschgemäß verarztet hatte. Ordnung musste ja sein.

„Komm jetzt her, du kleine Schlampe“, stichelte Robin und winkte das rothaarige Mädchen zu sich. Mit der anderen Hand und seiner Zunge machte er eine obszöne Geste, um ihr zu zeigen was genau er von ihr wollte. Ich hatte ihn tatsächlich geil gemacht, dachte ich stolz.

„Nenn mich nicht Schlampe!“, feixte sie zurück und hatte die Stimme erhoben um meine Discoboys zu übertönen.

Ich war mir sicher, dass die beiden etwas miteinander hatten. Sie kabbelten sich, beschimpften sich und liebten sich. Robin wandelte dabei auf einem schmalen Grad. Zoe war zwar die Sklavin des Clubs, allerdings war es eher eine Rolle für sie als eine Lebenseinstellung. Sie spielte sie jedoch so überzeugend, dass wir sie tatsächlich oft wie eine Sklavin oder ein Dienstmädchen behandelten. Dabei hatte Onkel Freddy uns allen klar gemacht, dass Zoe genauso ein wichtiger Teil der Belegschaft war wie wir. Er wollte sie nicht verlieren, weil jemand mit ihr plötzlich ein Problem hatte. So etwas machte seine einfache Welt kompliziert. Was kompliziert war, wurde schnell zu einem Problem. Und Probleme musste man lösen. Onkel Freddy war ein Mann, der Probleme löste.

Annabelle kam aus ihrer Kammer gestiefelt. Die Grande Dame rauschte in die Lounge, zeigte mit dem ausgestreckten Finger auf uns und keifte. „Kinder, gebt endlich mal Ruhe! Wer war denn für eure Erziehung verantwortlich? Ich war es leider nicht. Sonst wüsstet ihr, wie man sich zu benehmen hat! Bei mir ist ein Kunde, der für eine stimmige Session gezahlt hat. Mit Eurem Lärm macht ihr alles kaputt!“ Ihr Finger wanderte zu Robin. „Und du mein Sohn machst jetzt diesen unerträglichen Lärm leiser!“  Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und stolzierte zurück in ihre Kammer. Selene und ich fielen fast um vor Lachen, während Robin „For you“ herunterdrehte und Zoe zu Boden blickte um das unverschämte Grinsen wegen Robins Rüge zu verbergen. Als Sohn war er bestimmt schon lange nicht mehr bezeichnet worden.

„Komm her und tu deine Pflicht, Sklavin!“ herrschte er sie mit säuerlichem Gesicht an und nickte herab zu seinem Geschlecht.

„Langsam“, feixte sie wieder zurück. „Erstens geht hier mal ohne Gummi gar nix, erst recht nicht bei dir! Zweitens passiert hier drin schon mal gleich überhaupt nix. Mach die Augen zu und träum was schönes, Herr und Meister!“ 

Demonstrativ öffnete Robin die Schnürung seiner schwarzen Lederhose, holte eine Präservativerpackung aus seiner Hosentasche und tat so, als ob er auspacken wollte.

„Vergiss es“, antwortete Zoe mit gespieltem Desinteresse. „Außerdem muss ich mich noch waschen. Die Spülmittel für Tinas Zimmer sind recht hartnäckig. Die würden dir nur deine zarte Haut da unten verätzen.“

„Wozu brauchst du dafür deine Hände?“ fragte Robin und hielt dabei eine stählerne Acht hoch. „Dafür sind eh die hier vorgesehen.“ Das breite Grinsen in seinem Gesicht reichte von einem Ohr zum anderen. Und wenn diese nicht angewachsen wären, hätte er wahrscheinlich um den ganzen Kopf herum gegrinst. Ehrlich, ich  kenne niemanden, der so schnell und geschickt mit Handschellen umgehen kann wie er. Überwältigen, schließen, ohne Schlüssel öffnen. Robin beherrscht alles. Bis vor kurzem bewunderte ich ihn für diese Kunst.

Selene und ich schauten uns wegen des amüsanten Wortgefechtes belustigt an und prosteten uns mit den hervorragenden Drinks zu. Sie hatte ihren Prosecco und ich meinen leckeren brasilianischen Cocktail. Irgendwer hatte mal erzählt, dass Caipirinha in der Landessprache „Getränk der Hinterwäldler“ bedeute. Sollte es doch! Und wenn diese Hinterwäldler noch weitere solche leckeren Getränke erfanden, dann immer her damit!

Das Arbeitsklima im Club war wirklich super. Wir kabbelten und beschimpften uns. Die Sticheleien gaben wir uns im Szeneslang. Alle teilten kräftig aus und steckten ordentlich ein. Das diente jedoch lediglich als Druckabbau und war nicht wirklich ernst gemeint. Jeder von uns kannte die Grenzen des anderen. Keiner versuchte diese zu überschreiten. Wir teilten unsere Gefühle und halfen uns, wenn uns die Emotionen übermannten. Wenn eine von uns nach einer harten Session oder einem schlimmen Freier Trost suchte, waren die anderen ausnahmslos für sie da. Wir waren ein Team, das zusammenhielt. Geben und Nehmen! Ohne Neid. Ohne Misstrauen. Ohne Hass. Solange alles funktionierte.

Während Madame Annabelle in ihrer Kemenate den Hintern einer armen zahlungswilligen männlichen Zofe versohlte, Zoe neurotisch ihre putzmittelgeschädigten Hände säuberte, Selene verträumt auf ihrem Barhocker mitwippte und ich berauscht zu den Beats der Discoboys in meinen viel zu hohen Stiefeln tanzte, fuhr Dr. Veh in seiner verchromten S-Klasse vor.

Mein Kunde stieg aus und kam mit einer Sporttasche über der Schulter und einer Kippe locker zwischen die Lippen geklemmt zum Eingang geschlendert. Er trug ein kariertes Holzfällerhemd, blaue Jeans und braune Halbschuhe. Lässig, locker, gerade aus dem Büro zu uns gedüst; so hatten wir das aber nicht ausgemacht.

Er hätte in seinem Gummianzug vorfahren und darin von seinem markanten Auto zum Club gehen sollen. Der Typ stand wohl auf Bestrafung. Bitteschön, sollte er sie bekommen! Sein Sessionwunsch ließ so eine Richtung ja schon vermuten. Das Holzbrett mit den Fesseln und den Spanngurten hatte ich bereits vorbereitet. Der Satz Wäscheklammern und die Gerte lagen ordentlich hergerichtet daneben. Das würde noch ein harter Abend für meinen Doktor werden.

Kurz vor seinem Ziel schnippte er die halbgerauchte Zigarette auf den Boden und ließ sie dort weiter unbeachtet verglimmen. Er verriegelte noch schnell lässig aus dem Handgelenk mit einer Fernbedienung sein Gefährt, bevor er den Club betreten wollte. Robin hatte mich bereits in Richtung Eingangstür geschickt, damit ich meinen Kunden gebührlich in Empfang nehmen konnte. Er hatte meine säuerliche Mine bemerkt und freute sich bestimmt schon auf meine Reaktion.

„Oh, Frau Müller, ich bin etwas spät dran…“, plauderte der Möchtegerndoktor drauflos. Das ging ja mal gar nicht. Ansatzlos knallte meine behandschuhte Gummihand auf seine linke Wange

„Was?“ stammelte er mit überraschtem Gesichtsausdruck und war von dem Schlag völlig perplex.

„Das heißt, Entschuldigung Herrin!“ zischte ich und knallte ihm gleich noch eine auf die andere Wange. Meine Ohrfeigen taten weh. Ich hatte sie jahrelang an meinem kleinen Bruder geübt und beherrschte sie bereits vollkommen, bevor ich diesen Beruf ergriff.

„Entschuldigung Herrin!“ stammelte er und senkte seinen Blick. An der Beule in seiner Hose merkte ich, dass ihm meine Behandlung gefiel. Innerlich konnte ich darüber nur den Kopf schütteln. Tiefenpsychologisch hätte ein Sigmund Freud an diesem Mann bestimmt seine Freude gehabt.

„Runter auf die Knie!“ befahl ich barsch. Er gehorchte sofort.

„Räum deine Kippe auf, du Drecksack!“ schimpfte ich. Er wollte beleidigt werden. Zumindest hatte er das damals gesagt. Wenn das der Wunsch meines Kunden war, erfüllte ich ihn doch nur zu gerne. „Und wehe du benutzt deine Hände dazu!“

Dr. Veh hatte mir erzählt, dass er sich Unwohl fühle, wenn er vor anderen heruntergemacht werde. Er versuche diese Situationen zu vermeiden und jedem zu gefallen. Unangenehme Gespräche wollte er möglichst nur unter vier Augen führen. Gerade bei ihm hatte ich das Gefühl, dass die Wahl zu mir zu gehen für ihn eine Selbsttherapie war.

Ich beobachtete wie er auf allen vieren wieder nach draußen krabbelte und dabei seine teuren Designer-Jeans verschmutzte. Er hatte mir gestanden, dass er Dreck hasste und viel Wert auf ein sauberes Äußere legte. Da hatte er mir glatt eine nette Steilvorlage zu dieser kleinen Demütigung geliefert.

Mit dem Mund schnappte er nach der noch immer glimmenden Zigarette und hob sie mit den Lippen auf. Sein angeekelter Gesichtsausdruck mit den rot leuchtenden Wangen war eine Augenweide. Er richtete sich auf und ließ die Kippe in den gefüllten Aschenbecher fallen. Dann schaute er mich fragend an und ich konnte nur missbilligend den Kopf schütteln. Das rauchende Ding würde noch weiter vor sich hinglimmen und am Ende noch den Aschenbecher in Brand stecken. Das war keine ordentliche Arbeit. Breitbeinig, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, stand ich wie ein Drillsergeant in der Tür. Mein herablassender Blick unterstrich den bereits erzeugten Unmut und sollte ihn für den Fortlauf der Session Angst machen. Er erfasste die Situation recht schnell, drückte artig mit der Nase die Kippe aus und sah mich erneut mit Aschekrümeln im Gesicht an. Ich nickte nur knapp und er kroch zu mir, durfte den Club aber noch nicht betreten.

„Du schaust aus wie ein Schwein“, beschimpfte ich ihn. „Geh und wasch dich, du Ferkel. Und zieh dich dann ordentlich an. Der Kopf bleibt frei!“

Er wollte sich aufrichten und dann in den Club gehen; weg von der Öffentlichkeit, hinein in den schützenden Bereich der blickdichten vier Wände. Dabei trat ich ihn fest gegen die Innenseite seiner Oberschenkel. Der nächste Tritt würde etwas höher gehen.

„Dein Platz ist unten. Dort wo sich Schweine wie du aufzuhalten haben“, zischte ich ihn drohend an. Er zuckte bei dem Tritt zusammen und wollte erneut an mir vorbeikrabbeln. Respekt war in meiner Branche wichtig und offensichtlich hatte mein Kunde noch einiges an Respekt zu lernen. Nun gut, ich konnte eine ausdauernde Lehrmeisterin sein. Mein Schienbein traf ihn in die Seite und stieß ihn zu Boden. Er stöhnte auf, hielt sich die schmerzende Seite und schaute von unten mit ängstlichen Augen zu mir hoch. Er fühlte Furcht. Das war gut.

„Wenn ich mich schon dazu herablassen muss, mit einem dreckigen Schwein wie dir zu reden, dann hast du dich dafür artig zu bedanken.“ Dabei trat ich ihn noch mal, aber etwas leichter. Ich wollte ihn ja nicht ernsthaft verletzen. „Hast du mich verstanden?“

„Ja, Herrin“, sagte er mit eingezogenem Kopf. Tränen glitzerten in seinen Augenwinkeln. Er hatte offensichtlich verstanden. „Darf ich bitte meine Sachen holen und mich säubern, Herrin?“ Ich trat zur Seite und ließ ihn mit Verachtung im Blick durch. Er huschte in den Club, schnappte sich die Tasche und verschwand im Sanitärbereich.

Breit grinsend schaute ich zu  Selene. Sie signalisierte mir mit erhobenem Daumen, dass ihr meine kleine Darbietung gefallen hatte. Robin stand amüsiert hinter seinem Tresen. Zoe war gerade mit ihrer Säuberung fertig geworden. Ich legte ihr das Halsband mit den abgeschliffenen Innendornen und der kurzen Leine aus dunklem Leder auf den Tresen. Die Sklavin sollte den Kunden abholen und am Band zu mir bringen. Im Vorbeigehen nahm ich mir ein Glas Prosecco und stöckelte auf den hohen Stiefeln immer noch unsicher zu meinem Zimmer. Glücklicherweise hatte der Kunde nicht mitbekommen, dass ich mit den Schuhen leichte Probleme hatte.

Mit überschlagenen Beinen saß ich auf meinem Thron aus Mahagoniholz und wartete auf den Kunden. Das Zimmer war fast vollständig in schwarz gehalten. Es war für mein Metier typisch und stilvoll, aber nicht zu überladen eingerichtet.

Für eine stimmungsvolle Atmosphäre hatte ich bereits mehrere bauchige Kerzen angezündet. Wer weiß, sicherlich würde ich für das heiße Wachs noch Verwendung finden.

Nach kurzer Zeit führte die Rothaarige meinen Kunden auf allen Vieren in mein Reich. Sie hatte die Leine kurz oberhalb des Halses gefasst und zerrte den Doktor mit strengem Griff neben sich her. Die Dornen drückten ihm sichtlich schmerzhaft gegen die Haut seines Halses. Sie hinterließen dezente Spuren, die nur ein geübter Beobachter richtig einzuordnen vermochte.

An unserer Haussklavin war eine astreine Domina verloren gegangen. Dass sie Switcher war und hier im Club lediglich ihre submissive Seite auslebte, hatte sie zwar nie erzählt, doch ihr Verhalten war für mich mehr als deutlich. So hatte ich mir meinen Teil schnell zusammenreimen können. Ich hatte das Stück durchschaut, ließ ihr aber ihren Spaß. Jeder sollte nach seinem Gusto leben dürfen.

Dr. Veh war unterhalb des Halses komplett in dickem schwarzem Gummi verpackt, das sich eng an seinen Körper drückte. Einige Falten unterbrachen die ansonsten glatte Oberfläche. Er hatte sich schlampig angezogen und bettelte nach dem kleinen Intermezzo zu Beginn wohl schon wieder nach einer angemessenen Strafe. Dass er keine Ahnung von den Besonderheiten dieses Materials hatte, wusste ich nicht. Woher denn auch?

Zoe reichte mir die Leine und zog kurz daran, bevor sie das Leder aus der Hand gab. Dann verließ sie mit kurzen trippelnden Schritten den Raum. Während ich ihr hinterher schaute, reichte mir Dr. Veh demütig seine Maske.

„Die kannst du dir schön selbst aufsetzen“, sagte ich. „Und dann wartest du auf deinen dreckigen Knien, bis ich wiederkomme.“

„Ja Herrin“, murmelte er und knetete das dicke Gummi mit beiden Händen.

„Du schaust so lächerlich aus in deinem schmutzigen Anzug.“ blaffte ich herablassend. „Du kannst dich nicht einmal ordentlich anziehen. Das kann man ja auch nicht von dummen und schmutzigen Schweinen erwarten. Ich sollte dich in einen Stall stecken und im Matsch suhlen lassen. Du bist sowas von widerlich! Du hast es nicht verdient vor mir zu knien. Du stinkst derart, dass ich mich in deiner Anwesenheit mit Parfum einnebeln muss. Du beleidigst meine Nase mit deinem Gestank. Du widerst mich an!“

Dann stolzierte ich in den Nebenraum. Aus meiner Tasche holte ich einen Flakon mit einem stark riechenden Duftwasser und sprühte mich kräftig ein. Er sollte merken, wie sehr er mich

anekelte. Jeder hatte seinen Part zu leisten. Wunsch ist Wunsch. Ich liebte diese Art von Rollenspielen und war gespannt, wie es ihm gefallen würde.

Sorgfältig zog ich Eyeliner und Lippenstift nach. Dann schob ich mir ein Minzbonbon in den Mund und genoss dessen scharfen Geschmack. Noch ein schneller Blick auf mein Handy. Doch weder ein Anruf in Abwesenheit noch eine SMS erwarteten mich. Schade, ein wenig virtuelle Konversation wäre jetzt nicht schlecht gewesen. Mein Kunde konnte ruhig noch etwas länger warten. Lächelnd zwinkerte ich meinem Spiegelbild zu und strich den strengen blonden Zopf mit meinen gummierten Händen glatt. Dann betrat ich meinen Alptraum.

Dr. Veh war nun vollständig in Gummi gehüllt. Am ganzen Körper gab es lediglich zwei schmale Öffnungen für die Augen. Diese quollen starr aus ihren Höhlen und glotzten ziellos an die Decke. Mein Kunde lag auf dem Rücken. Seine Arme lagen in einer ungewöhnlich verdrehten Haltung an seiner Seite. Die Beine waren in den Knien eingeknickt und zuckten unregelmäßig. Besonders auffallend war jedoch, dass der Brustkorb sich nicht hob oder senkte. Nicht das kleinste Bisschen.

„Hör auf mit mir zu spielen, du Sau“, herrschte ich ihn an und wollte ihm erst wieder eine knallen. Doch recht schnell dämmerte mir, dass etwas mit ihm nicht stimmte.

Ich ließ mich zu ihm auf die Knie sinken. Dazu musste ich mich wegen meiner allzu beengenden Kleidung an meinem Thron abstützen. Vorsichtig schubste ich ihn an. Er zeigte keine Reaktion. Dann schüttelte ich ihn mit beiden Händen kräftig durch. Das quietschende Geräusch meiner Gummihandschuhe auf seinem Anzug hörte sich bizarr und völlig unpassend an.

Er spielte nicht mit mir. Panik kroch mit eisigen Fingern meinen Rücken hoch. Er reagierte nicht auf meine Bemühungen. Kein Laut drang aus seinem Mund. Er brachte keine selbständige Bewegung zustande. Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn und ruinierten die Frisur. Während ich an ihm zog und ihn anschubste, fiel mein Blick auf die Maske. Er hatte sie sich komplett über den Kopf gestreift. In dem glänzenden dicken Material befanden sich tatsächlich nur Öffnungen für die Augen. Es gab keine Perforation für den Mund. Es gab auch keine für die Nase. Die ausgesparten Nasenlöcher waren von Innen mit etwas verklebt. Der Idiot hatte sich nach dem Kauf nicht vergewissert, ob er seine Maske gefahrlos aufsetzen konnte. Ebenso hatte ich das versäumt. Schöne Scheiße. Der arme Kerl war in seiner Maske erstickt.

Vielleicht konnte ich sie ihm noch vom Kopf ziehen. Vorsichtig schob ich meine Handschuhe unter den Rand der Maske. Das schwarze Gummi war ziemlich dick und spannte sich eng um den Hals. Wie hatte er dieses verdammte Ding nur über seinen Kopf bekommen? Mir gelang es einfach nicht, das zähe Material hochzuschieben. Hektisch zog und riss ich an dem unteren Rand. Ich hatte keine Chance. An mehreren Stellen versuchte ich es erfolglos. Die Gummimaske bedeckte das Gesicht wie eine zweite Haut. Meine Gedanken rasten, während sich die Welt vor meinen Augen drehte. Ich musste die Maske entfernen, unbedingt! Der Kerl würde in meiner Kammer sterben. Tot! Das durfte ich nicht zulassen. Es musste doch eine Möglichkeit geben. Mir fiel Robin mit dem Limettenmesser ein. Die spitze Klinge könnte bestimmt die Maske von Mund und Nase lösen. Dann würde ich ihn beatmen. Er würde weiterleben, sich überschwänglich bei mir bedanken. Das Problem wäre gelöst. Eine großartige Idee!

Schnell raffte ich mich auf und stürzte im wahrsten Sinne des Wortes aus meinem schwarzen Zimmer. Meine Füße stolperten über die ungewohnten Plateauabsätze. Mit der Stirn knallte ich gegen die Kante des Türrahmens. Durch die enge Kleidung konnte ich mich nicht richtig abfangen und klatschte regelrecht auf den Boden. Meine Kniescheiben dankten den Aufprall mit zwei dumpfen Schmerzwellen. Ich rappelte mich auf und taumelte zum Tresen. Robin, Selene und Zoe sahen mich mit großen Augen an.

„Messer“, keuchte ich atemlos. Die Situation war an sich schon schlimm. Doch meine blöden Schuhe hatten mir den letzten Nerv geraubt. Die unfreiwilligen Slapstickeinlagen waren in dieser dramatischen Situation völlig unangebracht. Ungeduldig und gereizt funkelte ich Robin über den Tresen hinweg an.

 „Was willst du?“ fragte er mich und verzog dabei seine Augen zu Schlitzen. „Du weißt, dass es keine Blutspiele in diesem Haus gibt!“

„Messer her!“ schnauzte ich ihn an. Für sein Getue hatte ich keine Zeit. „Notfall! Schnell!“ fügte ich hektisch hinzu. Männer mit mehr Muskeln als Gehirn waren einfach schwer von Begriff. Man musste ihnen langsam, laut und mit einfachen Worten erklären, was man wollte. Dann verstanden sie.

Reflexartig reichte er mir das scharfe Eisen. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie Zoe und Selene mich unverhohlen anstarrten. Erklärungen gab es später. Jetzt musste ich handeln. Mehr schlecht als recht stolperte ich zurück in mein Zimmer und beugte mich über den bewusstlosen Kunden. Er hatte mittlerweile aufgehört vor sich hin zu zucken und lag still und friedlich wie in einem aufgebahrten Sarg. Im Gegensatz zu ihm war ich ganz hibbelig vor Angst und Panik.

Viel zu fest rammte ich in meiner Aufregung das Messer in seine linke Wange. Der erste Stich glitt direkt durch das dichte Material. Ich spürte wie der Widerstand nachgab als die Klinge in seine Mundhöhle eindrang. Hektisch zog ich sie in einem leichten Bogen aus dem Gummi heraus. Das Geschehen lief wie ein Film ab, bei dem ich lediglich Zuschauer war. Das war nicht ich, die da handelte. Da war eine Frau, die genau so aussah wie ich, eine überagierende Schauspielerin. Was passierte, war so unwirklich.

Blut! So viel Blut! Der rote Lebenssaft breitete um den schwarzen Gummiklumpen, der einmal ein Kopf gewesen sein sollte, konzentrisch aus. Konnte ein so kleiner Schnitt so viel Blut erzeugen? Das war doch unmöglich! Ekel erfasste mich als urtypische Reaktion auf die sich vor mir ausbreitende Körperflüssigkeit.

Die Szenerie war so bizarr. Irgendwie lag vor mir ein unpersönliches glänzendes mattschwarzes Etwas, das einmal ein Mensch gewesen sein sollte. Aus diesem Etwas strömte mittlerweile kontraststark leuchtend rote Flüssigkeit und verunreinigte die Fliesen meines Fußbodens. Das Bild brannte sich unauslöschlich in meine Seele. Ich wollte es nicht wahrhaben. Es konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.

Um den Schnitt herum hatte sich auch Blut auf der schwarzen Maske gesammelt. Eine innere Blockade hinderte mich daran zu handeln. Ich wollte da nicht wieder hingreifen. Durfte den Körper nicht weiter verletzen. Das war unrecht! Aber irgendetwas musste ich doch tun. Bloß nicht in Schock verfallen! Die Maske musste runter und ich musste noch mal schneiden. Diesmal durfte ich nicht so hektisch sein. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Durchatmen! Mit zitternden Fingern setzte ich die Klinge erneut an und durchtrennte mit

brodelndem Puls das schwarze Gummi. Nach dem ersten erfolgreichen Schnitt probierte ich die Maske mit den Fingern abzulösen. Ich konnte es nicht. Lediglich das Gummi der Handschuhe drückte gegen meine Fingerkuppen. Ausziehen wollte ich sie aber auch nicht. Wer weiß, was dieser Typ für Krankheiten hatte? AIDS, Hepatitis, TBC oder irgendeinen anderen Mist. Das Risiko einer Ansteckung wollte ich trotz meines Rettungseifers auf keinen Fall eingehen.

Mit etwas stärkerem Druck zerteilte ich das Gummi elliptisch um die Konturen seines Mundes. Die scharfe Klinge hinterließ auf dem toten schwarzen Material eine lebendige rote Spur. Tränen standen in meinen Augen und verschleierten den Blick. Das Bild vor mir war die Szene einer schrecklich chaotischen Wahnvorstellung. Trotzdem arbeitete ich unermüdlich weiter. Meine Gefühle mussten hinten anstehen. Mein Kunde durfte nicht sterben.

Meine Stiefel waren voller Blut; die Gummistrümpfe besudelt. Der Boden unter mir wurde immer rutschiger und glitschiger. Ich konnte kaum noch das Gleichgewicht halten. Um die Balance zu bewahren, musste ich mich auf seinem Brustkorb abstützen. Es bedurfte außerordentlicher Sorgfalt und Konzentration um dem Armen nicht erneut weh zu tun. Nur ein bisschen fester aufdrücken, damit ich durch das Material komme, dachte ich mir, während ich zitternd die Klinge führte. Vor lauter Aufregung merkte ich nicht, wie zwischen den Löchern in der Maske weiterhin dunkles Blut hervorquoll.

Unbeirrt versuchte ich mit dem Messer die Todesfalle von der Haut zu lösen. Ich konnte nicht glauben, dass sie derart fest saß. Hatte sich Unterdruck gebildet, weil er in verzweifelter Agonie versucht hatte durch das Gummi zu atmen? Ich versuchte mir seinen Todeskampf nicht vorzustellen. Einfach nur Handeln! Mein Aktionismus zwang mich weiterzumachen. Alle logischen Gedanken waren blockiert. Etwas tun! Überleben! Atem spenden! Organe von Fremdkörpern befreien.

In dem Kurs über lebensrettende Sofortmaßnahmen bei der Führerscheinausbildung hatte der hübsche Ausbilder so viele Dinge erzählt. Wer hätte sich die gesamte hohe Kunst der Ersten Hilfe komprimiert auf einen Samstagvormittag merken sollen. Wenn tatsächlich einmal etwas passierte, konnte man sich glücklich schätzen, wenn man überhaupt zu einer koordinierten Handlung fähig war.

„Was hast du getan“, brüllte mich Robin unvermittelt an und ich erschrak fürchterlich. Das Messer rutschte auf der glitschigen Oberfläche erneut ab. Ein tiefer Schnitt fraß sich tief in das Gesicht meines Kunden und zerteilte am Kinn die Gummimaske in einen tiefroten Spalt. Ich spürte einen harten Widerstand und wusste, dass ich auf Knochen gestoßen war. Wie war das alles möglich? Wie konnte das alles nur passieren?

Mit beiden Händen hielt ich mich zitternd am klebrigen Griff meines Messers fest. Mich hatten die irrsinnigen Tentakel des Blutrausches gepackt. Vor lauter Rot und Schwarz unter mir war ich nicht mehr in der Lage klar und sinnvoll zu denken. Vor mir standen meine Kollegen. Obwohl ich sie klar und deutlich wahrnahm, konnte ich nicht nachvollziehen, wie sie in mein Zimmer gekommen waren. Alles was passierte, war surreal. Es fühlte sich an wie in einem Traum. Das Problem war, dass ich daraus nicht mehr aufwachen würde.

„Oh mein Gott“, stammelte Zoe und Selene schrie entsetzt auf.

Robin packte mich fest im Genick und schleuderte mich zurück. Hart traf mein Rücken auf den Boden. Das Messer entglitt meinen Händen und rutschte gegen den Thron. Alles war verschwommen. Das Zimmer drehte sich vor meinen vor Panik geweiteten Augen. Mein Körper schmerzte. Ich heulte vor Verzweiflung und stammelte unverständliche Worte, die ich selbst nicht begriff.

Unser hünenhafter Aufpasser zog meinem Kunden das schwarze Gummi mit einem kräftigen Ruck von der unteren Gesichtspartie und hielt sein Ohr ganz nah an dessen Nase. Das Gesicht war nur noch eine blutige Masse. Nicht mehr erkennbar. Nicht mehr menschlich. Eine Maske unter der Maske. Und ich war der Künstler dieser grauenhaften Skulptur. Ich hatte ihn umgebracht. Heftig würgend übergab ich mich auf die schwarzen Fliesen meines Zimmers.

„Zoe, Mund zu Mund – Beatmung. Ich mach die Druckmassage!“ kommandierte Robin barsch. Er hatte die Situation gelöst, war ruhig geblieben. Im Gegensatz zu mir. Die drei Frauen, Annabelle war hinzugekommen, standen mit entgeisterten Minen im Türrahmen.

„Vergiss es, der blutet“, erwiderte das rothaarige Mädchen trotzig. „Wer weiß, was der alles hat. Von so einem fang ich mir nichts ein.

„Annabelle, Selene!“ wandte er sich laut und ungeduldig an die anderen beiden. Doch auch bei ihnen blieb er ohne Erfolg. Ich konnte die Mädchen ja verstehen. Das ganze Gesicht war übelst zerschnitten. Ich war nicht vorsichtig genug gewesen und hatte die Haut meines Kunden an vielen Stellen mit der scharfen Klinge durchtrennt. Wer weiß schon, welche Krankheiten der Mensch mit sich herumträgt. Die Jacke ist halt näher als die Hose und im Endeffekt ist sich jeder selbst der Nächste

Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld, wie in einem bösen Folterfilm, wie in einem Alptraum. Es war mein Alptraum. Unbeteiligt wie ein Zuschauer der Tagesschau ließ ich die Szene an mir vorbeiziehen, beobachtete sie und realisierte irgendwie gar nicht, was da direkt vor mir passierte. Robin tat irgendetwas. Die Frauen standen herum und taten auch irgendetwas. Ich begriff aber nichts, war halb auf dem Rücken liegend in meiner Apathie gefangen. Filmriss!

„Zoe, ruf Onkel Freddy an und beeil dich!“ rissen mich Robins Worte aus der Erstarrung. Die Verschmelzung der Worte „Onkel Freddy“ mit der Situation vor mir ließ mich mit einer sehr bösen Vorahnung Schwanger gehen. „Er soll sofort herkommen. Erklär was passiert ist und frag, ob wir die Bullen rufen sollen.“

Bullen? Schoss es mir durch den Kopf. War dafür nicht der Krankenwagen zuständig? Oder der Leichenwagen? Nein! Ich hatte meinen Kunden auf dem Gewissen. Onkel Freddy alleine genügte nicht. Da mussten die Bullen kommen und mich holen. Ich übergab mich erneut.

„Und du dumme Schlampe hörst sofort das Kotzen auf!“ herrschte er mich an, während Zoe davon stöckelte um ihr Handy zu holen. „Die Schweinerei am Boden kann hier keiner gebrauchen. Reiß dich mal zusammen!“

Er starrte mir eine unendlich lange Sekunde direkt in die Augen. Sein Blick drückte Verachtung und Bedauern aus. Dann packte er mich an der Hand und zog mich grob nach vorne. Ich landete mit der Vorderseite meines Körpers in dem am Boden verteilten Blut des Kunden; ein als Alptraum vor mir liegendes Gummimonster. Es war so abartig. Es war so

widerwärtig. Es war so falsch! Als ich meinen Kopf hob, knallte Robin mir eine. Die saftige Ohrfeige ließ mich der Länge nach in das zähflüssige Blut fallen.

Er griff unvermittelt mit seinem rechten Arm zwischen meinem Rücken und dem linken Oberarm durch. Mit seinem harten Griff bog er meinen ausgestreckten Arm nach hinten hoch. Dann packte er meinen rechten Oberarm und verbog ihn genauso. Mein Kopf wurde nach vorne gebeugt. Der Hinterkopf drückte unangenehm an das Leder seiner Hose. Dabei wurde der Nacken überstreckt. Blitzschnell schloss sich die stählerne Acht um meine Handgelenke. Die Metallschellen wurden fest geschlossen, damit ich mit meinen zarten Handgelenken ja nicht herausrutschen konnte. Die Arretierung wurde fixiert. Anschließend schlossen sich die starren Ringe von Daumenschellen um die unteren Glieder meiner Daumen. Robin hatte mich tatsächlich gefesselt. Eiskalt in einer rasanten Geschwindigkeit, ohne Chance auf Gegenwehr; ohne eine Chance auf eine Erklärung.

Brutal zog er mich auf die Füße und führte mich im eisernen Griff mit nach oben gehebelten Armen aus dem Zimmer. Meinen Kopf drückte er nach unten, in dem er mit seiner freien Hand den strengen Zopf direkt an meiner schmerzenden Kopfhaut nach vorne zog.

Er brachte mich in Selenes Zimmer und hakte meine Fesseln an eine Kette, die von der Decke hing und mit einem Flaschenzug verstellt werden konnte. Er ließ die Kette nach oben fahren. Meine gestreckten Arme überdehnten sich noch weiter. Ich hatte das Gefühl, dass meine Schultern ausgekugelt wurden. Durch meine beschissenen Fetischstiefeln konnte ich den Druck durch einen stabilen Stand nicht ausgleichen. Mein Sinn für Balance war in der Aufregung ausgemerzt. Alles ging so verdammt schnell. Alles war so unwirklich.

„Was hast du dir da bloß eingebrockt, Martina“, fragte er mich tadelnd und bog meinen Kopf nach oben, so das sich ihn anschauen musste. Unser Beschützer und Bodyguard, mit dem wir unseren Spaß hatten, der auf uns aufpasste wie ein starker großer Bruder, war verschwunden. Vor mir stand ein eiskalter Zuhälter, der mit einer Nutte ein Problem hatte, das er lösen musste.

Bevor ich antworten konnte, stopfte er mir ein Taschentuch in den Mund und sicherte es mit einem großen roten Ballgag, den er aus seiner Hosentasche gezaubert hatte. Ich ließ die Knebelung völlig unbeteiligt über mich ergehen. Mein Schicksal war besiegelt. Gefesselt und geknebelt stand ich mit überstreckten Gliedern in dem SM-Studio, indem ich bis gerade eben als erfolgreiche Domina mit tollen Perspektiven gearbeitet hatte.

Doch jetzt war alles vorbei. Vor meinen Augen war ein Mann gestorben, der mein Kunde war. Ich machte mir bittere Vorwürfe. Mir würden noch viel bitterere Vorwürfe gemacht werden. Ich war an allem schuld. Ich war unvorsichtig gewesen. Ich hatte es nicht geschafft, seinen Tod zu verhindern. Was jetzt noch passierte, lag nicht mehr in meiner Hand. Sein Blut klebte an meinen Fingern. Es klebte an meiner Haut und an meiner Kleidung. Es klebte an meiner Seele. Ich würde mich nie mehr davon rein waschen können.

Warum hatte ich meinen Job, den Fetisch, den Lifestyle so locker genommen? Es war für mich nur ein guter Verdienst. Es war für mich nur ein Spaß, eine leichte Arbeit, ein frivoles Vergnügen. Ich hatte nicht verstanden, dass diese Lebenseinstellung für andere wichtig war, einen Lebensinhalt bedeutete. Ich hatte nicht verstanden, dass ich auch Verantwortung hatte. Gegenüber meinen Kunden. Gegenüber den Menschen, die sich an mich wandten, weil sie niemand anderen für ihre Leidenschaft hatten. Ich war nicht nur Domina, die Hohe Priesterin der erfüllbaren bisher unerfüllten Wünsche. Ich war verantwortlich, musste die Verantwortung tragen, mit ihr umgehen – und musste jetzt wegen meiner Fehleinschätzung die bitteren Konsequenzen tragen.

„Was machst du?“ hörte ich Zoe kreischen. „Du hast ihm das Messer in den Hals gestoßen! Bist du wahnsinnig?“

Dann klatschte es. Robin hatte sie hart geohrfeigt. „Martina ist durchgedreht und hat ihm das Gesicht zerschnitten. In ihrem Wahn hat sie ihm das Messer in den Hals gerammt. Bei dem Kampf hat er geschrieen. Aber bis ihr ins Zimmer kamt, war es zu spät. Der Typ lag schon blutend am Boden und hat sich nicht mehr geregt. Ich habe der durchgeknallten Schlampe das Messer abgenommen und sie fesseln müssen, weil sie sich nicht beruhigen konnte. Ihr habt in der Zeit die Bullen gerufen. So hat sich das abgespielt und genau das erzählt ihr den Jungs in Grün. Ist das klar?“

Ich hörte wieder ein Klatschen und Zoe schluchzen. „Ist das klar?“ brüllte Robin jetzt. Dann sagte er sanft. „Dann ist ja gut. Beruhigt euch. Onkel Freddy wird alles in Ordnung bringen. Shhht. Alles wird gut werden.“

Mir war sofort klar, was da gespielt wurde. Robin und Onkel Freddy würden mir einen Mord anhängen. Ich hätte einen Freier im Wahn mit einem Messer abgeschlachtet. Nicht: Eine unserer Nutten hat Mist gebaut und war unvorsichtig. Sie hat nicht richtig aufgepasst. Das wird nie wieder vorkommen. Wir bitten vielmals um Entschuldigung. Nein! Mord! Alleinige Schuld! Sie ist durchgedreht. Sie hat ihn getötet. Wir – vor allem der Club – haben damit überhaupt nichts zu tun. Das ist alles ganz alleine ihre Schuld. Wir sind außen vor. Danke für die Zusammenarbeit. Jederzeit wieder. Bis zum nächsten Mal! Auf Wiedersehen.

Es dauerte einige Zeit bis der alte Mann seinen Club betrat. Obwohl er schon stark auf die sechzig zuging und mit seinem hageren vernarbten Gesicht eher unansehnlich wirkte, dominierte er mit seiner Erscheinung jeden Ort, an dem er sich aufhielt. Er kam mit schweren Schritten geradewegs auf mich zu. Die sündhaft teure Designer-Lederhose steckte in den dunklen Schlangenlederstiefeln. Das rosafarbene Seidenhemd lugte unter einer schwarzen Lederjacke hervor. Seine welligen schulterlangen Haare waren stylisch zurückgegelt. Es war der zynische Auftritt des imposanten Hauptdarstellers in einem schäbigen Schmierentheater, das ein lausiges Stück Zeitgeschehen mit grottenschlechten Schauspielern aufführte. So spielte das Leben – ein Scheißspiel!

Mit einer nicht näher bestimmbaren Mine beugte sich der alte Zuhälter zu mir herunter und packte mit seiner rechten Hand mein Kinn, das er kräftig nach oben bog. Er sprach ruhig und pustete mir dabei beißenden Rauch ins Gesicht. Die glimmende Gauloises in seiner Linken war keine zwei Zentimeter von meinen Augen entfernt. Der nette Onkel Freddy war ein Mann, der Frauen Angst machen konnte. Und gerade eben hatte ich furchtbare Angst vor ihm.

„Hör zu Martina. Und hör genau zu, denn ich werde mich nicht wiederholen. Hast du mich verstanden?“ zischte er mir ins Ohr. „Dann nicke jetzt einfach. Ich möchte dir nicht wehtun, Kleines!“

Seine Drohung war unmissverständlich. Ich wusste, dass er sie wahr machen würde. Er konnte Menschen die schrecklichsten Dinge antun. Was sollte ich denn tun? Was konnte ich denn tun? Nichts! Daher nickte ich kurz. Mit einem zufriedenen Lächeln zwang er meinen Kopf wieder in den kräftigen Schraubstockgriff.

„Das Dilemma ist, dass du mit deinem toten Gast dem Club geschadet hast. Niemand schadet dem Club. Der Tod eines Kunden darf nicht auf den Club zurückfallen, sonst kommen keine Gäste mehr. Keine Gäste bedeutet kein Geld. Und das wollen wir doch nicht, Kleines, oder?“

„Nnnnngg“, verneinte ich grunzend in meinen Knebel. Robins Tuch drückte gegen den Rachen und machte das Schlucken meines Speichels fast unmöglich. Ständig plagte mich latent ein leichter Würgereiz.

„Gut, du hast also verstanden. Dem Kunden können wir die Schuld natürlich nicht in die Schuhe schieben. Was macht das denn für einen Eindruck, wenn wir für so ein Malheur keine Verantwortung übernehmen würden. Herr Saller, dein Doktor Veh, ist Mitglied im Stadtrat und für unsere Konzession zuständig. Da können wir nichts anbrennen lassen. Nun, damit bleibst nur du übrig, Kleines“, fuhr er mit zischender Stimme fort. Langsam regte es mich auf, dass er mich Kleines nannte. Ekelhafte nach Tabak riechende Speicheltröpfchen sprühten mir bei jedem Wort regelrecht ins Gesicht. Ein Strom salziger Tränen bahnte sich seinen Weg über meine Wange. Ich musste weinen, denn ich wusste bereits, worauf das alles hinauslief.

„Wir werden den Behörden erzählen, dass du während deiner Arbeit ausgerastet und mit dem Messer unvermittelt auf den Stadtrat, Herrn Saller, losgegangen bist. Wer konnte auch ahnen, dass du so eine Abneigung gegen perverse Gummifetischisten hast, die deinen Anordnungen nicht Folge leisten. Nachdem du ihm das Gesicht blutig geschnitten hast, hast du ihm das Messer zum krönenden Abschluss noch tief in den Hals gerammt. Dein blinder Hass gegen ihn hat dich dazu gezwungen. Tragisch! Kannst du dir das merken, Kleines? Robin und die Mädchen werden genau das bei der Kriminalpolizei als Zeugen aussagen.“

Seine Hand lag über meinem Kehlkopf und schloss sich um meinen Hals. Ich grunzte in den Knebel und versuchte verzweifelt zu nicken. Die Luft wurde langsam knapp. Was hatte ich denn für eine Wahl? Ein böses Lächeln stahl sich in das hässliche Gesicht des alten Zuhälters. Wieder hatte er eine Situation gelöst, einen Kampf gemeistert. Bevor er mir die Lichter auslöschte, ließ er los, ließ mich wieder atmen. Ich sog die Luft panisch ein. Meine Nasenflügel klebten an den Scheidewänden.

„Wir stellen dir einen Anwalt, der darauf achtet, dass du keine Dummheiten machst. Bei den Bullen sagst du ohne ihn kein Wort. Du kommst in U-Haft. Das  ist nun einmal so, wenn man jemanden auf dem Gewissen hat. Im Knast haben wir genug Beziehungen, um dich unter Kontrolle zu halten. Du wirst ein relativ angenehmes Leben haben, wenn du kooperierst. Oder du wirst als Sklavin bei den Russen enden, wenn du dich verweigerst. Verstanden, Kleines?“

Das letzte Wort sagte er besonders eindringlich und ich versuchte ihm glaubhaft zu bestätigen, dass ich mich nicht weigern würde. Er brauchte seinen Drohungen keinen Nachdruck verleihen. Ich hatte ja schon verstanden. Ich fügte mich doch.

„Das ist noch nicht alles“, fuhr er fort, als ich aus weiter Ferne die Sirenen der Bullen vernahm. „Wir werden dir noch einen kleinen Cocktail spritzen, um das Ausrasten begründen zu können. Du hattest einen Drogenflash und kannst dich erst einmal an nichts erinnern. Machs gut, Kleines, und denk immer an meine Worte!“

Er ließ mich zurück. Meine Arme und Schultern schmerzten von der erzwungenen überdehnten Körperhaltung. Vor lauter Hoffnungslosigkeit waren meine Gedanken nur noch zu einem matschigen Brei püriert. Die Instruktionen von Onkel Freddy, dem miesen Zuhälter, und die Bilder meines toten verstümmelten Kunden vermischten sich zu einem chaotischen Kanon. Ich befand mich in einem Alptraum, aus dem es kein Erwachen gab. Das konnte doch alles nicht wahr sein, oder doch?

Noch bevor Robin mit seiner Giftspritze kam. knallte die Eingangstüre auf und die Ordnungshüter traten mit schweren Schritten ein. Ich hörte ihr Brüllen und das darauf folgende Durcheinander, wenn viele Menschen gleichzeitig unterschiedliche Dinge tun. Warum nur spiegelte sich im Auftreten von Polizisten immer das pure und grenzenlose Chaos? Was für ein Oxymoron, dass man sie Ordnungshüter nannte.

„Beruhigen Sie sich Herr Wachtmeister“, hörte ich Onkel Freddy besonders schleimig sagen. „Die Schuldige haben wir überwältigen können. Sie steht dort drüben. Von ihr geht keine Gefahr mehr aus.“

„Ich bin Hauptmeister, kein Wachtmeister“, schnauzte eine brummige tiefe Stimme zurück. Dann hörte ich die Kommandos, während ein bulliger Cop mit typischem Amtsschnurrbart und ausgewaschener Uniform auf mich zumarschiert kam. „Jürgen, du lässt keinen an den Tatort. Peter, schreib mal die Personalien der Leute auf. Klaus, du rufst den Chef und die Kripo. Und das alles ein bisschen plötzlich! Ich kümmere mich um die Täterin.“

Ein Wichtigtuer, par excellence. Wie ich diese Typen hasste. Sie hatte ein aufgeblasenes Ego, das beim kleinsten Stress in sich zusammenbrach. Solche Leute kamen dann zu mir, um sich von ihren Komplexen therapieren zu lassen. Er würde nicht die Komplexität der Situation erfassen. Er würde nur das was ihm präsentiert wurde für bare Münze halten.

„Ist sie das?“ fragte er herablassend, nachdem er sich breitbeinig vor mir aufgebaut hatte. Er stank nach Schweiß und dem Fett einer Würstchenbude. Sein schmuddeliges Äußeres unterstrich seine offensichtliche Unfähigkeit. Ich konnte sehen, wie sich trotz der bizarren Situation seine Uniformhose deutlich ausbeulte. Dabei hätte ich kotzen können. Nebenan lag ein Toter und dieser Primitivling geilte sich an mir auf.

„Das ist sie“, antwortete ihm Onkel Freddy mit ruhigem Ton. Er wirkte selbstzufrieden, dass sein Plan aufging. „Seien sie aber bitte vorsichtig. Sie kann ein wildes Biest sein. Wir haben sie gerade so zu viert bändigen können.“

„Machen Sie die Frau los“, herrschte der Cop Onkel Freddy an. Robin kam zu mir und hakte die Handschellen aus. Wegen den starren Daumenschellen musste ich meine Ellenbogen weiterhin ausgestreckt lassen. Die Schmerzen verlagerten sich von den Schultern zu den Handgelenken, auf welche die starren Fesseln drückten. Ich konnte trotz der neuen Position keine Erleichterung empfinden.

Während ich mich mit Hilfe von Onkel Freddy und dem Polizisten mühsam aufrichtete, balancierte ich mit wackeligen Beinen auf den hohen Plateausohlen der Stiefel. Robin stellte sich neben mich. Ich spürte einen schmerzhaften Pieks im rechten Oberschenkel. Sofort zuckte ich zur Seite, stolperte und fiel mit einem Grunzen gegen den wichtigtuerischen Beamten.

Dieser schrie sofort protestierend auf und rief seine Kollegen zu Hilfe. Er stieß mich mit seinen schwieligen Händen unsanft zu Boden. Dann kniete er sich mit seinem ganzen Gewicht auf meinen Rücken und presste mir die Luft aus den Lungen.  Mein Brustkorb war zusammengequetscht. Ich konnte nicht atmen. Verzweifelt versuchte ich mich unter der

schweren Last herauszuwinden. Ein anderer Grünling kniete sich auf meine Oberschenkel und drückte meine Unterschenkel zu Boden. Aufhören! Ich wehre mich doch gar nicht mehr.

„Halt still“, schnauzte mich der Cop mit dem Schnurrbart an. „Ich will dir nicht wehtun! Du machst doch alles nur noch schlimmer.“ Noch schlimmer? Was kann denn noch schlimmer sein, als einen Mord angehängt zu bekommen?

Außerdem habe ich doch nichts gemacht. Und gewehrt habe ich mich auch nicht. Ich wollte doch nur atmen. Deshalb habe ich mich vielleicht ein bisschen bewegt. Sorry! Das alles wollte ich ihm nur zu gerne sagen. Doch mein Mund war zugestopft. Außerdem hätte er eh nicht zugehört.

Um meine Beine wurde durch den zweiten Polizisten ein Kabelbinder gezurrt. Das Plastikband presste meine Stiefel zusammen. Dann wurden meine Füße brutal zurückgezogen. Ein weiterer Kabelbinder verband die Daumenschellen mit den Fußfesseln. Ein tiefes Grunzen entfuhr meinem Knebel, als der Hogtie straff gezogen wurde. Meine blutigen Handschuhe berührten die klebrigen Sohlen meiner Stiefel. Diese waren als Lustobjekte gedacht. Doch jetzt waren sie abartige Gebilde der Phantasie eines kranken Perversen. Ich ekelte mich vor ihnen. Nie wieder könnte ich jemals Lack, Latex oder Leder anziehen. Diese Materialien würde mich auf ewig an dieses Trauma erinnern.

Die Polizisten hatten mich im Handumdrehen überwältigt. Verschnürt zu einem versandfertigen Paket wurde ich von den beiden aus dem Club getragen. Unsanft legten sie mich auf den staubigen Boden eines Polizeibusses.

„Fahr das Miststück auf die Wache“, meinte der Hauptmeister vor der Tür zu einem anderen Polizisten. In seiner Stimme vernahm ich tiefe Verachtung. Sicher war er sauer, weil er mit einer blutverschmierten Frau kämpfen musste. Bestimmt hatte ich seine Uniform ruiniert. Wahrscheinlich würde er ja dafür sogar eine neue bekommen. Nötig hätte er es ja.

„Sollten wir nicht lieber auf die Kripo warten, Schulze?“ fragte sein Gegenüber. „Die müssten doch gleich da sein. Die sehen es bestimmt nicht gerne, wenn wir die Hauptverdächtige wegfahren.“

„Lass dir die Schlüssel für ihre Fesseln geben und dann weg mit ihr!“ erwiderte der Hauptmeister Schulze im Befehlston. „Fahr sie zur Kriminalwache. Da ist bestimmt jemand, der sie dir abnimmt. Das Mädel tickt ja nicht richtig. Mit der will ich am Tatort nichts mehr zu tun haben. Am Ende macht sie den hohen Herren noch ihre Spuren kaputt. Meine Entscheidung steht. Weg mit ihr. Peter fährt hinten bei ihr mit und passt auf sie auf. Und jetzt mach hin!“

Scheppernd wurde hinter mir die Schiebetüre zugeschlagen. Kurze Zeit später setzte sich der Bulle, der wohl Peter hieß, auf den Beifahrersitz und schimpfte über die Sauerei am Tatort und was für ein abartiges Monster ich sei. Zu so einer werde er sich mit Sicherheit nicht setzen. Zu so einer…

Ich war deprimiert. Mit meiner Vorstellung hatte ich die Intrige von Onkel Freddy fest zementiert. Die Bullen hatten genau das Bild von mir, das er ihnen zeigen wollte. Ich wurde als perverse Gestörte dargestellt, die im aggressiven Wahn ihren Freier abgestochen hat. Selbst ohne den Druck des Zuhälters und der Überwachung durch den Anwalt könnte ich niemanden von der Wahrheit überzeugen. Keiner würde mir mehr glauben.

Mit Blaulicht und Martinshorn rasten wir in Richtung Wache, weg vom Unheil bringendem Club. Das Chaos auf dem Boden meines Zimmers ließ ich zurück, doch das Chaos in meinem Kopf würde so bald nicht mehr verschwinden. Mit quietschenden Reifen fuhren wir so eng durch die Kurven, dass mich eine schwere Einsatztasche am Rücken traf. Noch ein blauer Fleck in meiner Sammlung. Alles drehte sich. Der Giftcocktail, den mir Robin gespritzt hatte, begann zu wirken. Meine Gefühle verschwammen zu einem dumpfen Brei. Die Gedanken überschlugen sich.

Die Zuhälter konnten ihren Laden sauber halten. In mir hatten sie das passende Opfer gefunden. Mir konnten sie alles in die Schuhe schieben. Alles sprach gegen mich. Den Bullen hatte ich eine reife Vorstellung geliefert. Sie könnten bedenkenlos jeden Eid schwören, dass ich aggressiv und unkontrollierbar war. Die Zuhälter hätten mich zu Recht gefesselt. Ich hatte die Polizisten ja noch während meiner Befreiung angegriffen. Sogar an Händen und Füssen musste ich festgebunden werden, da ich ansonsten nicht ruhig gestellt werden konnte. Zum Glück war ich bereits geknebelt gewesen. Sonst hätte ich ja am Ende noch jemanden gebissen. Und das wäre überhaupt nicht gut gewesen. Wer weiß, was man sich von so einer aus dem Milieu alles holen kann?

Auf der Wache wurde ich von Polizisten in zivil übernommen, entkleidet, einer Spurensicherung und einer erkennungsdienstlichen Behandlung unterzogen, ärztlich untersucht und als Beschuldigte belehrt. Man versuchte mich nach allen Regeln der Kunst zu vernehmen und schließlich durfte ich meinen Anwalt konsultieren. Die ganze Nacht über wurde ich behandelt wie eine Schwerverbrecherin

Von dem Fachchinesisch, mit dem mir die Beamten meine Situation und meine Rechte und Pflichten erklärten, verstand ich nicht einmal die Hälfte. Was muss man studieren, um so einen gequirlten Schwachsinn verzapfen zu können? Kann man nicht so sprechen, dass es normale Menschen verstehen?

Wenn Onkel Freddy mich nicht zum Schweigen verdammt hätte, hätte ich der Kriminalpolizei alles brühwarm erzählt. Ich musste mir ständig auf die Zunge beißen und mir die schlimmen Dinge im Knast ausmalen, die mir bei einem Verrat angetan werden würde. Die in meinem Geist nachhallenden Drohungen zwangen mich jedoch unbarmherzig zur Ruhe.

Ein schmieriger Anwalt wurde mir zugewiesen. Lächelnd machte er mir klar, dass er alleine im Dienste Onkel Freddies stände und nur ihm gegenüber verpflichtet sei. Ich wisse bescheid, so dass er mir nicht mehr viel zu erklären bräuchte. Ich wüsste ja was bei Missachtung der Befehle geschehe. Der Frauenknast sei berüchtigt für das schlimme Verhalten der Insassinnen. Seine unverhohlenen Worte brachen mir endgültig das Genick. Ich war fertig, brach zusammen. Seine Worte ließen das letzte Fünkchen Hoffnung verglühen.

Die Beamten der Spurensicherung steckten mich in einen weißen Einweganzug, bevor ich erneut gefesselt wurde. Die Fesselung war notwendig, sagte man mir, weil ich mich bei der Festnahme gegen die Polizisten zur Wehr gesetzt hätte. Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte nannte man das. Weil noch irgendwelches Beweismaterial gebraucht wurde, hatte man mir die Haut an den Händen mit Tesafilm abgeklebt und das ganze mit Lederhandschuhen vor einem vorzeitigen Ablösen gesichert. Ich war ja gefährlich und unberechenbar.

So sitze ich hier in meinem Elend und warte. Zwei Polizisten in zivil betreten den Arrestraum. Der Ältere hat einen grauen Haarkranz, ist etwas korpulent und wirkt recht verschlafen. Der Jüngere hat knallrote lichte Haare – er hat sie aber so frisiert, als ob er den fortgeschrittenen Haarausfall nicht wahrhaben will, was sein Auftreten recht unprofessionell wirken lässt – ist etwas sportlicher und trägt einen fast gepflegten Dreitagebart.

Der Rothaarige mustert mich unverhohlen. Sein Blick wandert von oben nach unten über meinen Körper. Typen wie er nerven mich einfach nur. Muss er mich so anglotzen? Macht ihn das geil, wenn er eine gefesselte hübsche Frau sieht? Er widert mich schlichtweg an!

Mit ungeschickten Fingern schließt er durch die Gitterstäbe das Schloss des Bauchgurtes zur Verbindungskette der Fußschellen auf. Endlich kann ich meine verkrampften Füße ausstrecken. Die Kniegelenke knacken dabei. Mit einem leichten Prickeln bahnt sich das Blut seinen Weg zurück in die eingeschlafenen Fußballen.

Der Ältere öffnet die Zellentüre. Der Jüngere befreit mich von den Fußfesseln und zieht mir hässliche Knastschuhe an. Er hat sich dazu tatsächlich blaue Latexhandschuhe angezogen. Er will sich sicher von so einer wie mir nichts holen. Das sieht ihm ähnlich.

Der Ältere stellt sich während dessen als Hauptkommissar Hauser und seinen Kollegen als Kommissar Meinhart vor. Er erklärt mir in seinem Beamtenblabla, dass wir jetzt zum Ermittlungsrichter fahren würden. Dieser entscheide, ob ich in Untersuchungshaft komme.

Ich frage mich, was es da noch zu entscheiden gibt. Auf der Fahrt spielen beide sicher guter Cop und böser Cop um doch noch etwas aus mir rauszubekommen. Doch die Angst vor Onkel Freddies Verbindungen werden weiterhin wirkungsvoll meine Lippen versiegeln. Ich würde brav schweigen und wie Hiob mein Los ertragen.

Der Weg zum Dienstfahrzeug ist lang und kalt. Mit gesenktem Kopf schlurfe ich zwischen den beiden Kriminalbeamten. In dem langen mit Neonröhren beleuchteten Gang von der Zelle zum Polizeifahrzeug begegne ich einigen Uniformierten. Die Polizistinnen mustern mich kurz und tuscheln dann hinter vorgehaltener Hand über mich. Ihre männlichen Kollegen ziehen mich allesamt regelrecht mit ihren Blicken aus. Ich versuche sie zu ignorieren.

Das Fahrzeug, das mich zum Richter bringen soll, ist ein alter dunkler dreier BMW. Auf dem Rücksitz hinter den Beifahrer muss ich Platz nehmen. Die Kommissare legen mir den Sicherheitsgurt an und erklären mir, dass ich die Handschuhe weiterhin tragen müsse. Hauser setzt sich hinter das Steuer, Meinhart zu mir. Ich rieche sein Parfum. Er lutscht ein Pfefferminzbonbon. Ich mag ihn nicht!

Als der Wagen die Tiefgarage der Kriminalwache verlässt, dreht Hauser die Musik laut. Es läuft einer dieser schrecklichen Rockschlager aus den Siebzigern, welche die Generation meiner Eltern so furchtbar toll findet. Ich kann sie nicht leiden, vor allem jetzt nicht.

Kommissar Meinhart wendet mir mit vertrauensseliger Mine sein freundlich erscheinendes Gesicht zu. Die „guter Cop“ Nummer? Ihr Bullen seid doch so durchschaubar!

„Martina“, beginnt er. „Ich darf doch Martina zu dir sagen, oder?“

Ich nicke genervt. Was will er denn von mir. Es ist doch eh alles klar, alles gesagt.

„Dein Fall ist ja sehr interessant. Vor allem weil dein Anwalt ein Geständnis für deine Vorführung angekündigt hat. Es scheint alles auf einen ganz klaren Mord hinauszulaufen, der Ratzfatz geklärt werden kann. Und obwohl alles so klar zu sein scheint, fallen mir trotzdem zwei nicht ganz unerhebliche Fragen ein.

Warum ist an deinem Oberschenkel, an einer Stelle die nie ein Junkie für einen Schuss verwenden würde, eine Einstichstelle? In deinem Urin finden sich keinerlei Abbauprodukte von Drogen. Die müsste es aber geben, wenn du zur Tatzeit drauf gewesen sein sollst, so wie es der Anwalt behauptet. Du hast dir zwischen Tat und Überwältigung durch deine Arbeitgeber nichts spritzen können. Also, wer hat das dann getan? Und warum?

Was ich überhaupt nicht verstehe ist folgendes. Wenn du erst alles versuchst, um deinem Gast die dichte Gummimaske vom Gesicht zu schneiden - dabei vielleicht aus Hektik oder Unachtsamkeit und Stress ein paar Mal unglücklich abrutscht -, wenn du alles versuchst um ihn zu retten, warum rammst du ihm danach mit einer Wucht, die ich dir ehrlich gesagt nicht zutraue – und der Rechtsmediziner übrigens auch nicht – dem Mann das Messer in den Hals? So fest, dass sogar die Klinge im Knochen des Wirbels stecken bleibt?

Wusstest du, dass der Mann zu diesem Zeitpunkt noch gelebt hatte, der Stich also praemortal war? Martina, du hast Herrn Saller nicht umgebracht! Wer von deinen Zuhältern war es tatsächlich und warum hat es getan?

Martina Beer, hast Du schon mal etwas vom Zeugenschutzprogramm der Polizei gehört?“

 

Boris Cellar